ICH WARTE NICHT, ICH LEBE

In der Abflughalle des Flughafens Mailand Malpensa ist es warm. Die Sonne beheizt den Glasbau wie ein Treibhaus und die Klimaanlage scheint nicht oder nur schlecht zu arbeiten. Der Abflug nach Israel ist verspätet – und mehrere Stunden, da die erwartete ankommende Maschine auf einen anderen Flughafen umgeleitet werden musste. Die Fluggesellschaft bittet per Durchsage um Geduld, jeder bekommt zum Trost einen Gutschein für einen Imbiss am Pizzastand. Die Halle ist voller Menschen, Sitzplätze sind knapp, viele müssen stehen, andere machen es sich auf ihrem Gepäck oder auf dem Boden bequem.

Nach einer Weile gebe ich meinen kostbaren Sitzplatz auf und mache einer vor mir stehenden Dame eine Freude, indem ich ihr den Platz anbiete. Dann beginne ich, in einer 3×1 Gehmeditation durch die Wartehalle zu gehen. Während ich meine Aufmerksamkeit auf die drei Schritte pro Atemzug richte, wird mir der Lärm in der Halle bewusst. Es sind mehrere Hundert Menschen, die hier warten, miteinander reden, teilweise über die Situation schimpfen. Kinder rennen umher, rufen und lachen. Lautsprecherdurchsagen und Fernseher in allen Ecken mit Nachrichten und Werbung vervollständigen die Klangkulisse. Das langsame Gehen bewirkt, dass ich mich gewissen Klangquellen nähere und mich von anderen entferne: ich höre deutlich hier einen Gesprächsfetzen, bin dann in der Nähe eines Fernsehers, höre einen Teil eines Werbespots, der langsam hinter mir leiser zu werden scheint, stehe dann direkt unter einem Lautsprecher, aus dem ein Flug aufgerufen wird, komme in die Nähe des Pizzastandes und dann in eine weniger besetzte Ecke der Halle, in der es vergleichsweise ruhig ist. Es ist ein Schreiten durch eine vielfältige Klangwelt – und es ist eine Reise durch meinen Geist, denn alle Klänge bewirken ein unangenehmes oder angenehmes Gefühl in mir und oft Gedanken oder Emotionen wie zum Beispiel Erstaunen, Ablehnung, Unverständnis und Unwille einerseits oder Erheiterung, Entspannung, Mitgefühl und sogar Freude andererseits.

Wenn wir uns in einer lauten Umgebung befinden, dann ist es zunächst hilfreich, den Widerstand gegen den Lärm aufzugeben und uns dem Klang zu öffnen, der nun einmal so präsent ist. Ist dies zum Teil gelungen, dann ist es nicht schwer, uns zu konzentrieren, denn mit dem vorherrschenden Klang haben wir einen stabilen Ankerpunkt für unsere Aufmerksamkeit. Allerdings wird der Klang immer auch etwas in uns auslösen: Gefühle, Gedanken, Urteile, Bewertungen. Hier ist es sinnvoll zu unterscheiden zwischen der reinen Wahrnehmung des Klanges (erster Schritt), die bereits angenehm oder unangenehm sein wird und dem, was unser Geist meistens daraus macht (zweiter Schritt), was wahrscheinlich auch nicht positiv ist, da wir uns ja grundsätzlich von dem Lärm „gestört fühlen“.

Es ist ist nicht schwierig, den ersten Schritt zu tun und die Wahrnehmung, hier Hörwahrnehmung, als „nur unangenehm und nichts weiter“ zu entschärfen. Dann können wir uns mit Interesse und Nachsicht den Gedanken und Gefühlen zuwenden, die diese Hörwahrnehmung in uns auslöst. Vielleicht wird durch die liebevolle Beobachtung dieser zweiten Ebene auch ein Loslassen des Widerwillens möglich, eine befreiende Distanz zumindest von den eigenen Gedanken und Gefühlen, geschaffen durch reine Beobachtung und NICHT durch Urteil und Intervention. Wer weiß?

In der Wartehalle jedenfalls werde ich mit jedem Schritt ein bisschen ruhiger und friedlicher. Die Sinneswahrnehmungen von Enge, Wärme, Lärm, Unruhe und Unzufriedenheit in den Gesichtern vieler Menschen dominieren mich nicht mehr mit den von ihnen ausgelösten unangenehmen Gefühlen. Sie sind noch immer da aber die Machtverhältnisse haben sich umgekehrt: diese Wahrnehmungen und die daraus folgenden Gedanken und Gefühle kontrollieren mich nicht, aber auch ich kontrolliere sie nicht, ich beobachte sie liebevoll und mit Geduld: denn keines dieser Gefühle, fast keiner dieser Gedanken sind an sich falsch oder schlecht. Es stellt sich nur die Frage: muss ich mich ihnen unterwerfen?

Nein. Ich muss es nicht. Ich kenne einen Ausweg. Er besteht in einem Atemzug und drei Schritten. Und dann in einem nächsten Atemzug und drei weiteren Schritten. Und es vergehen die Minuten und Stunden. Ich warte nicht, ich lebe. Ich gehe einfach, so lang wie es hier geboten ist. Und ich danke für das wunderbare Geschenk, dass das Leben gemacht hat, weil ich genau dies offenbar jetzt und hier brauchte.

Auszug aus: © Windpferd Verlag 2014: “Gehmeditation im Alltag”, von Volker Winkler: Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder hier bestellbar: http://ow.ly/JthgF

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