Wie wir uns von mentaler Angst befreien können

Dein Denker produziert unaufhörlich Gedanken und Gedankenfragmente. Mehrere zehntausend Gedanken fließen in einem ständigen Strom durch deinen Geist, jeden Tag und jede Nacht, denn im Traum geht es weiter. Du kannst diese Gedanken weder wirklich erfassen noch steuern, kannst den Strom nur mit erheblichem Aufwand verlangsamen, kannst ihn nicht anhalten. Er ist wie ein Radio, das ohne Unterbrechung sendet und in deinem Kopf vor sich hin plappert. Das Meiste, was gesendet wird, ist dasselbe wie gestern. Diese unbewussten Gedanken sind zum allergrößten Teil die ewig gleichen, haben keinen Zweck oder Sinn, helfen nicht und führen zu nichts. 

Aber dieser Strom an unbewussten Gedanken hat die Macht. Er hat die Macht über dich, er hat die Macht über diesen Planeten. Er ist das Hauptproblem, die Wurzel allen Übels.

Die unbewussten Gedanken des Denkers sind weitgehend auf die schon genannte Absicht ausgerichtet, ”das Schlechte” zu beseitigen, damit nur noch Gutes übrig bleibt. Also muss der Verstand (der Denker) das Schlechte ausfindig machen, um es bekämpfen und beseitigen zu können. Deshalb haben sehr viele der unbewussten Gedanken den Grundton von: ”Hoffentlich ist es nicht so, dass…”, ”ich muss vermeiden, dasS…”, ”welche Probleme wird es jetzt wohl geben?” 

Der unbewusste Gedankenstrom richtet sich fast nur auf mögliche Schwierigkeiten, er schafft einen Grundton der Sorge in dir und so glaubst du, in einer Welt zu leben, in der viel Grund zur Sorge besteht, obwohl dies nichts oder sehr wenig mit der Realität zu tun hat. Dies allein schafft schon eine Grundstimmung der Angst in dir. Doch die Auswirkungen des unbewussten Gedankenflusses sind noch weit gravierender.

Denn inmitten dieser unsinnigen und ziellosen Gedankenfragmente mit ihrem Grundton an Sorge und Angst stehst du und definierst dich – ohne es zu wissen – weitgehend auf der Grundlage dieses unbewussten Denkens.

Die meisten deiner Sorgen betreffen ja nicht die Welt sondern dich selbst. Der unbewusste Gedankenstrom erzählt dir permanent, dass du nicht gut genug bist oder noch nicht genug hast, dass du scheitern könntest, dass andere besser sind, dass du (wieder) erkranken und sterben kannst, dass du nicht schön genug bist, dass du nicht genug Erfolg hast, dass du nicht ausreichst, dass du dich verändern musst und dass du im Allgemeinen nicht in Ordnung bist. Die unbewussten Gedanken erschaffen ein Bild von dir selbst in deinem Kopf und du glaubst tatsächlich, diesem Bild zu entsprechen, obwohl nichts an diesem Gerede wahr ist, nichts, null Prozent. 

So rettest du dich in gedankliche Konstruktionen deiner selbst, in ein inszeniertes und künstliches Verhalten, wahlweise in Lügen, Vertuschung, Angeberei oder Versteckspiel, auch in Gejammer und Anklage, in die Verleugnung deiner Schwächen, in die Bettelei um äußere Anerkennung; die Versionen sind zahllos aber es ist immer eine falsche Idee von dir, die den unbewussten Gedanken gleichzeitig entspricht und widerspricht.
Du identifizierst dich mit dem unbewussten Gedankenstrom, du glaubst, das zu sein, was da vor sich hin plappert. Da die Stimme in deinem Kopf sich vor allem mit Sorgen, Schwierigkeiten, möglichen Risiken, Bewertungen durch andere und mit der Frage beschäftigt, wie du die Anerkennung der anderen bekommen kannst, glaubst du, ein Mensch zu sein, der voller Sorgen, Schwierigkeiten und Risiken ist und dem es um nichts so sehr geht, wie um die Anerkennung der anderen. Dieses Selbstbild aber darf niemand erkennen, es muss so weit wie möglich verborgen und verstellt werden. So entsteht ein falsches Selbst, eine permanente Schauspielerei, ein verlogenes Konstrukt, dass sich darstellt, inszeniert, sich gleichzeitig zu verstecken und zu präsentieren versucht, sich an Meinungen und Positionen klammert, Schuldige außen sucht und findet, für alles eine Erklärung konstruiert und in alledem sehr einsam, traurig und müde ist. Dieses jämmerliche Etwas ist dein ”Ego”, dein falsches Selbstbild. Es ist allein ein Produkt deines unbewussten Denkens.

Dieses jämmerliche Ego hat Angst, denn es besteht nur aus unbewussten Gedanken, aus mentalen Konstruktionen, aus Schein, Lüge und dem Verstecken der Wahrheit. Es kann mit Leichtigkeit durchschaut werden, denn es beruht auf Lügen und die haben bekanntlich und tatsächlich kurze Beine. Dieses Ego kann mit Leichtigkeit hinterfragt und in Frage gestellt werden – es kann mit Leichtigkeit zerstört werden, ein paar gute und gezielte Fragen eines liebenden Menschen reichen da zum Beispiel. Das Ego fürchtet die Wahrheit denn die Wahrheit – so glaubt es – ist sein Tod. Der Tod des Ego lauert überall denn die sichtbare Realität ist ein Ausdruck der Wahrheit. Die Realität an sich, das Leben an sich ist bereits eine vitale Bedrohung des Ego, das sich allein an Lüge, Trug, Vertuschung und Verstellung klammert. Deshalb ist der Grundzustand des Ego Angst.
Angst ist die natürliche und einzig mögliche Schwingungsenergie des Ego.
Ego und Angst sind unzertrennlich miteinander verbunden. 

Aus diesem Grund bekämpft das Ego (= der unbewusste Gedankenstrom) jeden ernsthaften Versuch, in die Wahrheit zu gelangen. Dies zeigt sich in der Meditationspraxis vieler Menschen: sie beginnen, erlernen die Meditation, praktizieren sie einige Male zu Hause aber erreichen keine Regelmäßigkeit, keine Stabilität in ihrer Praxis. Warum nicht? Weil etwas in ihnen dagegen rebelliert. Weil es einen Teil in uns gibt, der den Weg ins Licht nicht gehen will, denn dieser Weg würde in die Auflösung und Verwandlung des Ego führen. Das Ego hat – verständlicherweise – Angst vor Auflösung und Verwandlung. Es will, wie alles im Universum, existieren, bleiben und bestehen, solange dies möglich ist. 

Diese erste von drei Grundarten der Angst, die mentale Angst des falschen Selbstbildes/Egos, das aufgrund deiner unbewussten Gedanken entsteht, unterteilt sich also auf die folgende Art in drei Bereiche:

Mentale Angst 08-19.001

Die Meditation setzt bei der Quelle des Übels an: beim unbewussten Gedankenstrom. Aber es geht nicht darum, diesen Strom zu verbessern, zu ändern, zu beseitigen oder auszutauschen. Es geht allein darum, ihn zu beobachten. Und es geht vor allem darum, wie wir ihn beobachten. Das ”wie” ist entscheidend.

Wir betrachten diesen Strom liebevoll und geduldig. Wir erlauben allen Gedanken, allen Fragmenten, Sorgen, dumpfen Ahnungen, angstvollen Fragen, dem ganzen Gesumme und Gesinge unseres Geistes, der stupiden Wiederholung des ewig Gleichen, wir erlauben einfach allem, da zu sein. Wir erlauben allen Inhalten unseres Geistes so da zu sein, wie sie jetzt sind. Wir beobachten all dies mitfühlend und ohne Ziel. Wir beurteilen nichts – oder möglichst wenig – davon und verzeihen uns selbst – so weit wie möglich -für alles, was sich zeigt. Und wir tun dies kontinuierlich und zuverlässig, jeden Tag, immer wieder, ohne Unterlass.

Wie ist es möglich, diesen Gedanken nicht zu folgen? Wie können wir verhindern, in die entsprechenden Geschichten zu rutschen, in die ewige Grübelei auch in der Meditation zu verfallen, die sinnlosen inneren Dialoge auch im Lotussitz noch weiterführend?

Durch unser Meditationsobjekt. Durch die Rückkehr zum Atem. Ganz einfach.

Wir führen unsere Aufmerksamkeit immer wieder, dutzend Mal, hundert Mal zurück zur Bauchbewegung durch den Atem. Diese Rückkehr ist viel mehr als nur eine Rückkehr zum Atem, es ist die Rückkehr zu dir selbst, die Rückkehr zur Realität, die Abkehr von der Wahnwelt der unbewussten Gedanken, die fast nichts mit der Realität zu tun hat.

Diese liebevolle Betrachtung der unbewussten Gedanken bei gleichzeitiger ständiger mitfühlender und verzeihender Abkehr von ihnen (+ Rückkehr zum Atem, zu uns selbst, zur Realität) ermöglicht uns, die wahre Qualität der unbewussten Gedanken zu erkennen: ihr Kommen und Gehen, ihr Mangel an Substanz, ihre ständige Wiederholung, ihr fehlender Bezug zur Realität (denn sie beziehen sich fast nur auf eine erdachte/mögliche/befürchtete/vergangene etc. Realität, die es nicht gibt), ihre Sinn- und Hilflosigkeit. Aber all dies ist kein Urteil über die unbewussten Gedanken, es ist ein einfaches meditatives Erkennen ihrer wahren Natur, ein tiefes Schauen in die tatsächliche Beschaffenheit der eigenen Gedanken (Vipassana bedeutet ”tiefes Schauen”).   

So verliert der unbewusste Gedankenstrom durch bloße liebevolle Betrachtung seine Macht über uns. Es ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, keine intelligente Schlussfolgerung, kein besonderes Ergebnis dafür erforderlich. Das Geheimnis liegt allein in der Betrachtung und vor allem in der Art der Betrachtung: liebevoll und mitfühlend.

Daher können wir wie folgt festhalten: Die liebevolle Rückkehr zum Atem (zur Bewusstheit) befreit uns von der Macht der unbewussten Gedanken und somit von der Angst unseres Verstandes.

Aber ich würde aus meiner Erfahrung als Meditierender und Meditationslehrer noch zwei Worte hinzufügen, die den entscheidenden Aspekt unterstreichen, den wir hier nicht vergessen dürfen. Wenn wir die Gewohnheiten unseres Geistes ändern wollen, die seit Jahrzehnten eingeschliffen sind, dann wird dies nur gelingen, wenn wir uns regelmäßig, kontinuierlich, täglich, ja am besten mehrmals täglich in formeller Meditation darin trainieren, uns liebevoll und verzeihend vom unbewussten Gedankenstrom abzuwenden und zu uns selbst, zum Leben, zur Realität, zum Atem zurückzukehren. Daher sollten wir den obigen Satz wie folgt ergänzen:

Die liebevolle , wiederholte und kontinuierliche Rückkehr zum Atem (zur Bewusstheit) befreit uns von der Macht der unbewussten Gedanken und somit von der Angst unseres Verstandes. 

GRATIS WEBINAR „FREI SEIN VON ANGST“
AM 20.8.2019 UM 20.00 UHR – ANMELDUNG HIER

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