Du und dein inneres Kind – ein unschlagbares Team

Als Kinder haben wir alle – fast ausnahmslos – zwei Grunderfahrungen gemacht, die uns zwangsläufig tief geprägt haben: Die Erfahrung der Machtlosigkeit und die des Mangels an Liebe.

In den ersten Lebensjahren waren wir machtlos anderen ausgeliefert. Diese anderen Menschen, meistens die Eltern, manchmal auch andere Schlüsselfiguren, haben alle Entscheidungen getroffen, die unser Leben bestimmten. Wir hatten diese Entscheidungen und alle Verhaltensweisen dieser ”Mächtigen” hinzunehmen, hatten mit ihnen zu leben, ob wir wollten oder nicht. Als Neugeborene waren wir völlig hilflos, dann wuchsen wir langsam, sehr langsam aus dieser Machtlosigkeit heraus. Der Mensch ist ein ”verspätetes” Wesen, er braucht ca. zwei Jahrzehnte, um ganz in die Autonomie zu kommen, kein Säugetier braucht so lang.

Der Mangel an Liebe als Grunderfahrung hat sehr wenig damit zu tun, ob unsere Eltern ”richtig” oder ”falsch” gehandelt haben. Sie haben gewissermaßen ”immer” richtig gehandelt denn sie haben uns immer das an Liebe gegeben, was sie geben konnten, mehr war schlicht nicht möglich. Wenn ”mehr” möglich gewesen wäre, hätten sie mehr gegeben – aber sie haben das gegeben, was da war, was möglich war.
Auch die liebevollsten Eltern können die Grunderfahrung des Mangels an Liebe nicht verhindern oder vermeiden denn das Kind wünscht sich grenzenlose, bedingungslose und immer verfügbare Liebe in allen Momenten und Situationen – und das ist niemandem möglich, auch wenn er die besten Absichten hat und sich alle erdenkliche Mühe gibt.
Der Säugling kommt aus der Liebe, er ist Liebe, er will nur Liebe geben und empfangen – aber er inkarniert sich in diese Realität und in dieser Realität ist allumfassende ewige und totale Liebe nicht selbstverständlich vorgesehen. Wir dürfen sie uns auf unserem weiteren Lebensweg erschließen – aber das ist der Weg, das ist nicht die Ausgangssituation.

Wir waren also gezwungen, Strategien zu entwickeln, um die lebensnotwendige Liebe zu bekommen. Schon in den ersten Lebenstagen lernt der Säugling, die Mimik und Gestik der Mutter zu interpretieren und beginnt ihre Reaktionen auf sein Verhalten zu studieren. Liebe ist vor allem Aufmerksamkeit, Beachtung. Und diese Beachtung können Kinder sich auf verschiedene Art verschaffen: der eine ist immer brav und lieb, die nächste ist die Kränkliche, die weiß, dass sie mit Tee und Zwieback umsorgt wird, wenn sie wieder einmal krank im Bett liegt. Der Rebell weiß, dass er Aufmerksamkeit bekommt, wenn er rebelliert. Es gibt den High-Performer, das Wunderkind, das Kind als Retter und Pfleger der leidenden Mutter, den Vernünftigen, den Unvernünftigen, die Leichtsinnige und so weiter.

Es gibt so viele Strategien, wie es Kinder gibt und diese Strategien werden miteinander kombiniert und flexibel angewendet, je nachdem, wessen Aufmerksamkeit erreicht werden soll. 

Diese Verhaltensweisen, diese Reaktionen und Verstellungen, Anpassungen und Anstrengungen des Kindes dienen nur einem Ziel: Aufmerksamkeit und Liebe zu erhalten. Und dein Problem heute ist: Du hast nach wie vor dieses Ziel und die alten Strategien sind weiterhin sehr aktiv in dir. Du bist leider nicht wirklich erwachsen. Auch du bist, wie ich und wie (fast) alle, ein emotional verletztes Kind in einem erwachsenen Körper.

Wenn du dich mit deinem Partner streitest, dann streiten sich da vier Personen, zwei Erwachsene und zwei Kinder. 

Wenn du zu deinem Chef ins Büro gerufen wirst, dann ist es dein inneres Kind, das jetzt Angst hat, vom Vater zur Rede gestellt und vielleicht bestraft zu werden. Die alte Strategie und die damit zusammen hängenden Emotionen und Ängste wurden in den ersten 20 Jahren deines Lebens so automatisiert und eingeschliffen, dass sie sich verselbstständigt haben.

Wir alle kennen diesen verletzten Anteil in uns, kennen die Angst vor dem Chef oder unser Verhalten beim Streit mit dem Partner, wenn z.B. die Angst verlassen zu werden hoch kommt – aber wir akzeptieren diese Seite an uns nicht, wir lehnen sie ab. 

So bleiben wir im Wesentlichen wie wir immer waren, wie wir seit den ersten Lebensjahren waren: wir bleiben zum Beispiel unsicher, ängstlich, gebremst, gehemmt, fühlen uns oft machtlos, wütend, einsam, traurig, ratlos – und wissen nicht, dass es dieser Teil in uns ist, der dies alles fühlt. Wir kennen den Ausweg nicht.

Der Ausweg ist sehr einfach. Er heißt: Liebe. Es geht auch hier darum, das Licht anzumachen – und die Dunkelheit des Leidens wird weichen.

Wir können uns als Erwachsene zunächst bewusst machen, dass dieses innere Kind in uns vorhanden ist und in bestimmten Situationen aktiviert wird. Unserem Ego gefällt dies oft nicht, denn es bedeutet, uns einzugestehen, dass wir nicht so sicher und souverän alles unter Kontrolle haben, wie wir es vielleicht bisher dargestellt haben. Es bedeutet, uns einzugestehen, dass wir tatsächlich nicht erwachsen sind, dass da ein kindlicher und kindischer Anteil in uns ist.  

Aber wenn dir das innere Kind bewusst ist, kannst du mit ihm ein ”unschlagbares Team” bilden denn nun haben deine alten Ängste das Recht, da zu sein. 

Wenn dich jetzt der Chef ins Büro ruft, kannst du mit deinem inneren Kind das Büro betreten. Du kannst fühlen und dir bewusst sein, dass die alten Ängste hochkommen – und sie dürfen hochkommen. Du sagst deinem inneren Kind nur eines: ”Ich bin bei dir und ich gehe nicht mehr weg.” Mehr ist nicht nötig.

Jetzt nämlich entsteht auch ein Freiraum im Erwachsenen, ja es entsteht auf diese Weise sogar ein neuer Erwachsener, der seine alten Ängste kennt und zulässt – und auf diese Weise erstmalig frei von ihnen wird und erstmalig frei von diesen Ängsten handeln kann.

Wir trainieren den Kontakt und die ”Zusammenarbeit” mit unserem inneren Kind in visualisierten Meditationen, wenn bestimmte Emotionen, wie z.B. Angst da sind. Durch dieses Training entsteht Vertrauen zwischen dir und deinem inneren Kind. Ihr könnt euch aufeinander verlassen. Dein inneres Kind wird dir melden, dass die alten Ängste in bestimmten Situationen präsent sind. Mehr muss es nicht tun. Und du wirst als der/die Erwachsene auf diese Meldung immer in 2 Schritten reagieren: 1. ”Ich bin bei dir und ich bleibe” und 2. ”Jetzt kümmere ich mich darum”. Und der Erwachsene kann sich – erstmals – frei von der unbewussten Vermischung mit kindlichen Emotionen verhalten.
Er kann erstmals frei handeln. Er kann jetzt erwachsen sein – in Liebe und in ständigem Kontakt mit seinem inneren Kind.

Wenn wir dieses Vertrauen, diese Liebe und emotionale Aufgabenverteilung in den Meditationen einige Zeit üben, kann das Zusammensein mit deinem inneren Kind zum Automatismus und zur Selbstverständlichkeit werden. Dann wirst du wirklich emotional frei sein. Frei von der alten unbewussten Angst, die einmal Teil und Ergebnis deiner – durchaus richtigen – kindlichen Strategie war, die du aber heute nicht mehr brauchst.

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