DER FREUND

DER FREUND

„Der Atem als Verbindungsstück zwischen Körper und Geist und als bester Freund ist tatsächlich immer da, wenn wir ihn brauchen. Und wir brauchen ihn oft, ja wir brauchen ihn fast immer, denn die Tendenz unseres Geistes, sich zu verzetteln und zu verlieren, alten Gewohnheiten zu folgen und überall Probleme und Schwierigkeiten zu erkennen und auch selbst zu produzieren ist normalerweise stark ausgeprägt.

Doch der beste Freund hat viel Geduld und ist auf sanfte Weise sehr beharrlich. Solange ich lebe, wird er nicht aufhören, seinen Rhythmus fortzusetzen: ein – aus, ein – aus. Ich muss ihn nicht daran erinnern, ich muss ihn nicht darum bitten. Ich muss – oder kann – ihm folgen. Das ist alles. Der Freund reicht mir sozusagen in jedem Moment seine Hand zur Hilfe. Warum sollte ich sie nicht ergreifen?“

„Gehmeditation im Alltag“: http://ow.ly/ZLReK

EINFACH ZURÜCKKEHREN

„Und über alles legt sich schnell wieder der Schleier der Gedankenaktivität, bald dumpf und diffus, bald in klareren Urteilen, Bewertungen, Kommentaren, Vergleichen etc. Das ist normal und ganz natürlich. Kehren Sie einfach wieder zum Atem und zu dem ruhigen Rhythmus ihrer Schritte zurück: Einatmung – links, Ausatmung – rechts.“

„Gehmeditation im Alltag“: http://ow.ly/ZLReK

MIT DEM JETZT KONTAKT AUFNEHMEN

MIT DEM JETZT KONTAKT AUFNEHMEN

„Wir können darauf vertrauen, dass es reicht, mit dem Jetzt Kontakt aufzunehmen, immer wieder, Tag für Tag, in scheinbar sehr repetitiven Ritualen.

Da ist der Atem. Da sind die Sinne. Und da ist der Geist. Wir spüren den Atem, nehmen Kontakt zu ihm auf, bleiben in Kontakt mit ihm. Wir spüren, was unsere Sinne uns melden, nehmen es wahr, wach, offen, geduldig. Und wir sehen unseren Geist, schauen gleichsam hinein, wach, offen und nachsichtig mit uns und den anderen. Das ist alles. Wir tun das oft. Wir tun es täglich, wir tun es, wann immer wir können. Mehr gibt es kaum zu tun. 

Dies wird uns befreien. Viele andere vor uns haben sich so befreit von Unzufriedenheit und ständiger Angst. Warum sollte es uns nicht gelingen?“

“Gehmeditation im Alltag”, von Volker Winkler – im Buchhandel erhältlich oder hier bestellbar: http://ow.ly/JthgF

ICH WARTE NICHT, ICH LEBE

ICH WARTE NICHT, ICH LEBE

In der Abflughalle des Flughafens Mailand Malpensa ist es warm. Die Sonne beheizt den Glasbau wie ein Treibhaus und die Klimaanlage scheint nicht oder nur schlecht zu arbeiten. Der Abflug nach Israel ist verspätet – und mehrere Stunden, da die erwartete ankommende Maschine auf einen anderen Flughafen umgeleitet werden musste. Die Fluggesellschaft bittet per Durchsage um Geduld, jeder bekommt zum Trost einen Gutschein für einen Imbiss am Pizzastand. Die Halle ist voller Menschen, Sitzplätze sind knapp, viele müssen stehen, andere machen es sich auf ihrem Gepäck oder auf dem Boden bequem.

Nach einer Weile gebe ich meinen kostbaren Sitzplatz auf und mache einer vor mir stehenden Dame eine Freude, indem ich ihr den Platz anbiete. Dann beginne ich, in einer 3×1 Gehmeditation durch die Wartehalle zu gehen. Während ich meine Aufmerksamkeit auf die drei Schritte pro Atemzug richte, wird mir der Lärm in der Halle bewusst. Es sind mehrere Hundert Menschen, die hier warten, miteinander reden, teilweise über die Situation schimpfen. Kinder rennen umher, rufen und lachen. Lautsprecherdurchsagen und Fernseher in allen Ecken mit Nachrichten und Werbung vervollständigen die Klangkulisse. Das langsame Gehen bewirkt, dass ich mich gewissen Klangquellen nähere und mich von anderen entferne: ich höre deutlich hier einen Gesprächsfetzen, bin dann in der Nähe eines Fernsehers, höre einen Teil eines Werbespots, der langsam hinter mir leiser zu werden scheint, stehe dann direkt unter einem Lautsprecher, aus dem ein Flug aufgerufen wird, komme in die Nähe des Pizzastandes und dann in eine weniger besetzte Ecke der Halle, in der es vergleichsweise ruhig ist. Es ist ein Schreiten durch eine vielfältige Klangwelt – und es ist eine Reise durch meinen Geist, denn alle Klänge bewirken ein unangenehmes oder angenehmes Gefühl in mir und oft Gedanken oder Emotionen wie zum Beispiel Erstaunen, Ablehnung, Unverständnis und Unwille einerseits oder Erheiterung, Entspannung, Mitgefühl und sogar Freude andererseits.

Wenn wir uns in einer lauten Umgebung befinden, dann ist es zunächst hilfreich, den Widerstand gegen den Lärm aufzugeben und uns dem Klang zu öffnen, der nun einmal so präsent ist. Ist dies zum Teil gelungen, dann ist es nicht schwer, uns zu konzentrieren, denn mit dem vorherrschenden Klang haben wir einen stabilen Ankerpunkt für unsere Aufmerksamkeit. Allerdings wird der Klang immer auch etwas in uns auslösen: Gefühle, Gedanken, Urteile, Bewertungen. Hier ist es sinnvoll zu unterscheiden zwischen der reinen Wahrnehmung des Klanges (erster Schritt), die bereits angenehm oder unangenehm sein wird und dem, was unser Geist meistens daraus macht (zweiter Schritt), was wahrscheinlich auch nicht positiv ist, da wir uns ja grundsätzlich von dem Lärm „gestört fühlen“.

Es ist ist nicht schwierig, den ersten Schritt zu tun und die Wahrnehmung, hier Hörwahrnehmung, als „nur unangenehm und nichts weiter“ zu entschärfen. Dann können wir uns mit Interesse und Nachsicht den Gedanken und Gefühlen zuwenden, die diese Hörwahrnehmung in uns auslöst. Vielleicht wird durch die liebevolle Beobachtung dieser zweiten Ebene auch ein Loslassen des Widerwillens möglich, eine befreiende Distanz zumindest von den eigenen Gedanken und Gefühlen, geschaffen durch reine Beobachtung und NICHT durch Urteil und Intervention. Wer weiß?

In der Wartehalle jedenfalls werde ich mit jedem Schritt ein bisschen ruhiger und friedlicher. Die Sinneswahrnehmungen von Enge, Wärme, Lärm, Unruhe und Unzufriedenheit in den Gesichtern vieler Menschen dominieren mich nicht mehr mit den von ihnen ausgelösten unangenehmen Gefühlen. Sie sind noch immer da aber die Machtverhältnisse haben sich umgekehrt: diese Wahrnehmungen und die daraus folgenden Gedanken und Gefühle kontrollieren mich nicht, aber auch ich kontrolliere sie nicht, ich beobachte sie liebevoll und mit Geduld: denn keines dieser Gefühle, fast keiner dieser Gedanken sind an sich falsch oder schlecht. Es stellt sich nur die Frage: muss ich mich ihnen unterwerfen?

Nein. Ich muss es nicht. Ich kenne einen Ausweg. Er besteht in einem Atemzug und drei Schritten. Und dann in einem nächsten Atemzug und drei weiteren Schritten. Und es vergehen die Minuten und Stunden. Ich warte nicht, ich lebe. Ich gehe einfach, so lang wie es hier geboten ist. Und ich danke für das wunderbare Geschenk, dass das Leben gemacht hat, weil ich genau dies offenbar jetzt und hier brauchte.

Auszug aus: © Windpferd Verlag 2014: “Gehmeditation im Alltag”, von Volker Winkler: Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder hier bestellbar: http://ow.ly/JthgF

Eine Autobahn zum Erwachen

Eine Autobahn zum Erwachen

„Unser Geist, sowohl der rein verstandesmäßige Teil als auch das, was im Buddhismus Herzgeist genannt wird, funktioniert nach Gewohnheiten.

Wenn wir etwas lernen, eine Fremdsprache, Autofahren, Klavier spielen oder die Benutzung einer neuen Computersoftware, so ist dies zunächst schwierig. Es gibt hierfür nur einen Grund: wir haben es noch nicht oft gemacht, es ist ungewohnt. Und immer wenn wir dieselben Tätigkeiten später können und beherrschen, sie ohne Mühe mit Genauigkeit und Zuverlässigkeit ausführen, dann gibt es dafür ebenfalls nur einen Grund: wir haben es so oft gemacht, dass unser Gehirn entsprechend starke und effektive Verbindungen und Übertragungswege ausgebildet hat. Wir nennen dies dann Routine.

Vereinfacht könnte man sagen: wir müssen alles, was wir wirklich tun und erlernen wollen, nur oft und regelmäßig genug tun, dann ist der Erfolg praktisch unvermeidlich. Es geht nur um zwei Dinge: Anfangen und Weitermachen.“

Auszug aus: © Windpferd Verlag 2014: “Gehmeditation im Alltag”, von Volker Winkler: Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder hier bestellbar: http://ow.ly/JthgF

WARUM IST GEHMEDITATION EINFACH?

„Warum ist Gehmeditation einfach? Weil es nichts zu lernen gibt. Wir KÖNNEN bereits gehen, wir tun es jeden Tag. Auch können wir unseren Geist auf etwas ausrichten, uns konzentrieren, wann immer dies erforderlich ist, wie zum Beispiel beim Autofahren oder wenn wir im Internet einen Flug buchen. Es geht also nur um die Verbindung zweier Tätigkeiten, die wir bereits beherrschen: das Gehen und das Sich konzentrieren. Das Haupthindernis ist nicht das, was wir zu erlernen haben, sondern unsere Gewohnheit, die eine Gewohnheit des unbewussten Lebens und des unbewussten Gehens ist. Es geht also mehr darum, etwas zu verlernen als etwas zu erlernen.“