WENN LEICHTIGKEIT FEHLT

WENN LEICHTIGKEIT FEHLT

„Die Praxis der achtsamen Geistesbetrachtung kann, wenn sie richtig angewendet wird, einen großen Raum der Freiheit und des Verständnisses eröffnen. Sie ist extrem hilfreich in Momenten, wenn wir meinen, kämpfen zu müssen. Wenn da dieses Gefühl des Widerstandes ist, wenn wir aus irgend einem Grund von dem, was gerade geschieht, abgekoppelt sind, wenn Leichtigkeit fehlt, wenn wir dieses Gefühl der Mühe und Anstrengung haben, einer forcierten Anstrengung, wenn wir es mit allen Mitteln versuchen aber nicht sehr erfolgreich sind. Was ist in diesen Momenten zu tun?

In diesen Momenten ist es hilfreich innezuhalten, sich zu öffnen und die ganz einfache Frage zu stellen: was geschieht gerade?

Denn sehr oft ist hier eine Erfahrung, ein Geisteszustand präsent, den wir schlicht nicht anerkennen. Vielleicht ist es nur eine gewisse Mattheit, die wir innerlich bekämpfen oder über die wir uns hinwegsetzen wollen. Oder vielleicht ist da eine abgelenkte, rastlose Energie, eine Menge von Gedanken, und wir kämpfen damit. Oder es ist der wütende Geist – und wir sind in der entsprechenden Geschichte verfangen.

In jedem dieser Fälle können wir anerkennen, was im Moment im Geist präsent ist. Man erkennt dann, wie es im Satipatthana Sutra heißt, „einen Geist voller Begierde als voller Begierde und einen Geist ohne Begierde als ohne Begierde, einen zornigen Geist als zornig und einen verblendeten Geist als verblendet, man erkennt einen zusammengezogenen Geist als zusammengezogen und einen zerstreuten Geist als zerstreut.“

Wenn wir uns öffnen und diese simple Frage stellen: „was geschieht gerade?“, wenn wir das, was geschieht, schlicht erkennen und anerkennen, es akzeptieren, was immer es ist, dann ist der Geist, in diesem Moment nicht mehr im Kampf, nicht mehr im Widerstand.

Es geht darum, durch reine Wahrnehmung zu wissen: der Geist ist so, und jetzt ist er so und dann ist er so…

Das Gefühl des Kampfes und das Wiederstandes ist dann kein Problem mehr, sondern wird zu einer sehr wertvollen Rückmeldung. Denn dieses Gefühl sagt uns dann immer nur eines: es geschieht etwas, was wir nicht akzeptieren. Denn würde wir es akzeptieren, würden wir nicht kämpfen.“

Joseph Goldstein (Satipatthana-Vorträge, Übersetzung: V. Winkler)

DER MATERIALISAMUS DER NICHT-ACHTSAMKEIT

DER MATERIALISAMUS DER NICHT-ACHTSAMKEIT

Der gewöhnliche, nicht meditative Geist verhält sich vollständig materialistisch. Wenn die Situation  für die speziellen individuellen Bedürfnisse eines Einzelnen mit angenehmen Gefühlen verbunden ist,  dann belohnt dieser Einzelne diese spezielle Situation, d.h. sich und die Welt, mit Anerkennung, mit Wohlwollen, mit Zustimmung und Annahme.

Wenn die Situation aber nicht angenehm sein sollte, geschieht das Gegenteil. Das heißt: wenn ich etwas bekomme – und nur dann – gebe ich auch etwas. Und wenn ich das Gegenteil von dem bekomme, was ich will, dann reagiere ich entsprechend: durch Ablehnung.

Der meditative Geist verhält sich vollständig anders. Er begibt sich in eine Situation und nimmt sie an, wie sie auch sein mag. Das gelingt sicher nicht immer – aber das ist die Übung, von Anfang an. Das Angenehme anzunehmen ist ja nicht so schwierig. Aber der meditative Geist übt sich darin, eben auch das Unangenehme anzunehmen. Damit nimmt er die Situation an sich an, damit nimmt er das Leben an, damit lebt er erst wirklich. Nur der meditative, achtsame, offene Geist lebt wirklich.  Der nicht meditative, gewöhnliche, unachtsame Geist erleidet das Leben.

Schrittweise

Schrittweise

Wenn wir die regelmäßigen Wege „schrittweise“ zu meditativen Wegen machen, dann werden sich ganz natürlich Lösungen ergeben, wie wir aus den Verstrickungen in zahllose Verpflichtungen heraus und zu einem Leben kommen, in dem wir die Dinge tun, die uns und den Menschen um uns herum gut tun.

Wir müssen dann nicht mehr viel verschieben und organisieren, um meditieren zu können. Die Meditation kann, wie alles andere, dann zu uns kommen, wenn wir aufhören, verbissen nach etwas zu suchen, was außerhalb von uns liegt und uns endgültig glücklich machen wird, wenn wir es endlich haben.

Es geht darum, den Griff zu lockern, das Leben mehr und mehr geschehen zu lassen, mitzuschwimmen im großen Fluss und uns nicht mehr zu oft gegen die Strömung zu stemmen, mit einem gewaltigen NEIN im Kopf, begründet durch zahllose Gedanken und Erkenntnisse, was uns ermüdet und entkräftet und sehr wenig einbringt, auch auf einer rein materialistischen Ebene.

Auszug aus: © Windpferd Verlag 2014: “Gehmeditation im Alltag”, von Volker Winkler: Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder hier bestellbar: http://www.windpferd.de/gehmeditationen-im-alltag.html

DER ORT DER BEFREIUNG IST DAS LEBEN

DER ORT DER BEFREIUNG IST DAS LEBEN

Es ist ok, in einem schönen Yogazentrum zu üben. Es ist in Ordnung, auf einem schönen Waldweg Gehmeditation zu praktizieren. Dies ist kein Problem. Das Problem ergibt sich leider auf der anderen Seite der Medaille. Wenn nach meiner Vorstellung bestimmte Orte für Wachheit und Bewusstheit besonders geeignet sind, dann sind es andere Orte und Situationen wahrscheinlich entschieden nicht. Dann kann es nahe liegen zu glauben, dass die Besprechung am Arbeitsplatz kein Ort der spirituellen Praxis ist, dass die viel befahrene Straße mit der unangenehmen und gefährlichen Fußgängerampel kein Ort der meditativen Bewusstheit ist, dass unangenehme Bilder, Geräusche, Gerüche, Gefühle und Gedanken also ausreichen, um die Bewusstheit und Achtsamkeit zu verscheuchen und in Oasen zu verschieben, in denen solche Störungen mich nicht davon abhalten, meine Vorstellung zu genießen, ich wäre hier endlich am richtigen Ort für meine Befreiung vom Leiden und von allen Illusionen. 

Das aber ist nicht der Fall. Der richtige Ort für die Befreiung vom Leiden und von allen Illusionen ist das Leben. Das Leben findet an angenehmen, unangenehmen und an neutralen Orten statt. Achtsamkeit ist das Instrument um festzustellen, wo ich bin und was mein Geist jetzt macht. Befreiung findet nicht in einem schönen Meditationszentrum statt. Befreiung findet nicht an einem hässlichen Ort statt. Befreiung beginnt stattzufinden, wenn ich mich nicht mehr davon beeinflussen lasse, dass ich an einem schönen oder an einem hässlichen Ort bin. Befreiung umfasst die Einsicht, dass „schön“ oder „hässlich“ veränderliche Vorstellungen in meinem Geist sind und dass die Ameise zu meinen Füßen diesen Ort völlig anders bewertet – und mit gutem Recht.

Weil wir nichts suchen, können wir finden.

Weil wir nichts suchen, können wir finden.

„Es ist ganz einfach: gehen Sie langsam und natürlich. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nur auf das Gehen selbst, auf den Kontakt der Füße mit den Schuhen und dem Boden, auf die Beschaffenheit des Bodens, auf die Bewegung der Beine. Betrachten Sie dies alles mit freundlicher Aufmerksamkeit. Beachten Sie auch Ihre Atembewegungen, die Sie zum Beispiel am Bauch, an der Nase oder im Hals spüren. Der Atem und Ihr Körper, die Eindrücke Ihrer Sinne und die Gefühle und Gedanken, die kommen und gehen, denen Sie jedoch nicht nachspüren, die Sie nicht festhalten und jeweils sofort wieder in die Freiheit entlassen, sobald sie auftauchen: das sind die Objekte Ihrer Aufmerksamkeit. Das ist die „Verengung“, die sofort zu einer wunderbaren „Öffnung“ und „Erweiterung“ wird, weil wir nichts aussperren, nichts abwehren, alles zulassen, obwohl wir es nicht nachverfolgen.

Sie werden sehen: obwohl wir den Kopf nicht wenden, obwohl wir nicht suchen und nichts erobern wollen, hören wir doch das Gezwitscher der Vögel als wäre es das erste Mal. Wir spüren den Wind auf der Haut wie vielleicht noch nie zuvor. Wir hören ein Insekt, das uns umschwirrt und wegfliegt, sehen die Bewegung der Äste und Blätter in den Bäumen, hören Kinder rufen und sehen das Spiel von Licht und Schatten auf dem Boden – dies alles mit unbekannter Intensität und in einem friedlichen Einklang, der wahr und authentisch ist. Dies ist das Jetzt, dies ist die Realität. Weil wir nichts suchen, können wir finden. Weil wir nichts abwehren, müssen wir nichts befürchten. Und weil wir nicht allein auf vergangene Erfahrungen zurück greifen, sondern uns im Jetzt bewegen, können wir Neues erleben. Und es wird immer wieder neu sein und bleiben!

Wir sollten also auch in unserer Geisteshaltung ein Minimum an Disziplin aufbringen: wir halten den Blick gerade nach vorn gerichtet, ohne dabei zu erstarren. Wir versuchen nicht abzuschweifen und uns umzudrehen, sobald wir etwas hören, was uns neugierig macht. Wir bleiben bei unserer Gehgeschwindigkeit und unserer gewählten Strecke für die gesamte Dauer unseres bewussten Weges. Es ist ein wunderbares Geheimnis, dass menschliche Freiheit viel mit den Grenzen zu tun hat, die wir uns selbst setzen – wenn wir dies in Freiheit und mit Freude im Herzen tun.“

Auszug aus: © Windpferd Verlag 2014: „Gehmeditation im Alltag“, von Volker Winkler.
Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder hier bestellbar: http://www.windpferd.de/gehmeditationen-im-alltag.html

Ist achtsames Gehen immer und überall möglich und hilfreich?

Ist achtsames Gehen immer und überall möglich und hilfreich?

Die Antwort lautet: ja. Achtsames Gehen ist immer und überall möglich und es ist immer und überall hilfreich. Es ist beim Einkaufen hilfreich, beim Spazieren, beim Müll rausbringen, beim Hund ausführen und auf dem Weg zum Bus.

Ja, es ist sogar noch viel hilfreicher, als die meisten von euch vermuten werden.

Da gibt es dieses Gefühl: Ablehnung, Unwille, Unlust, schlechte Laune. Und dann gibt es diese sofortige und immer verfügbare Schaltung: weg von den Gedanken, hin zur Realität. Und diese Schaltung ist während des Gehens eine besonders einfache: da ist der Schritt, das Aufsetzen des Fußes auf dem Boden, das Ablösen, die Bewegung, das Gehen. Da ist die Bewegung der Beine, die An- und Abspannung der Muskeln. Da sind die Geräusche und Gerüche, die Töne und Bilder der Umgebung. Und da sind die Gedanken. Aber all das ist auf einmal nicht mehr belastend sondern nur vorhanden – und ich sehe es, beobachte das alles und bin frei.

Achtsames Gehen befreit: sofort und immer. Es ist sehr einfach und es ist sehr wahr. Unser Verstand mag diese Einfachheit nicht. Er will Probleme, will Schwierigkeiten, will „Stoff“ für seine Sucht. Aber es bleibt einfach.

It´s simple but not easy. Leider kann man das auf Deutsch nicht so schön sagen. Es ist einfach und doch schwierig. Denn es ist, wie alles, eine Sache der Übung. Nur Übung und Wiederholung lässt die Befreiung wirksam werden, denn anfangs ist noch beides da: die schlechte Laune UND der direkte Kontakt zur Realität. Die Gewohnheit unseres Geistes ist leider die, der permanenten Geschichte im Kopfradio zu lauschen und sie sehr, sehr ernst zu nehmen. Was soll da der Fußkontakt beim Gehen, das Banalste was es gibt, für eine Bedeutung haben?

Hier sollten wir insistieren, weiter machen, vertrauen, nicht ablassen. Einfach immer wieder die Aufmerksamkeit zurück führen in die Realität. Übung und Wiederholung sind entscheidend bei jedem Lernprozess des Lebens. Dies erscheint anfangs als Schwierigkeit aber es wird mit der Zeit zum großen Trumpf: wenn die Übung und Wiederholung eine neue Gewohnheit in unserem Geist geschaffen hat. Die Gewohnheit der direkten Erfahrung der Realität. Die Gewohnheit der richtigen Einordnung und Bewertung des Selbstdialogs im Kopf. Die Gewohnheit der Freiheit.

„Jeder Weg und jede Straße ist dein Gehmeditationsweg“, sagt uns Thich Nhat Hanh. Warum nicht ausprobieren, ob das wirklich möglich ist, immer und überall? Warum nicht?