TRANSPARENT WERDEN

TRANSPARENT WERDEN

Es ist kein Verschwinden. Es ist ein Da-Sein, ein tief verwurzeltes Dasein, wie das Dasein eines Busches, eines Grashalms, eines Baumes.

Und doch verschwindet etwas, während der Atem fließt und kommt und geht. Etwas verschwindet um mich herum und lässt den Kern umso heller strahlen, während jedoch auch er, der Kern, durchlässig wird und offen. Offene Weite, nichts von heilig.

Transparent werden in der Meditation heisst nicht, sich aufzulösen, es heisst nicht, eins zu werden mit allem anderen, es heisst nichts, es ist nicht von Bedeutung, denn da ist einfach etwas, es ist – und braucht nicht mehr zu sein.

Der Windhauch des Sommers geht durch mich hindurch und ist nicht mehr zu trennen vom Windhauch meines Atems. Die Autoalarmanlage in der Ferne ist das Mantra, das Ziel, das Heiligtum, die Freiheit und die Leerheit. Auch sie ist einfach – und darf jetzt sein, in mir und ohne mich.

Das Gras wächst auch ohne mich. Und alles wächst aus mir heraus und durch mich hindurch – auch ohne mich.

Transparent werden in der Meditation heisst nicht, ohne Selbst zu sein, leer zu sein, frei zu sein. Es heisst all das nicht, denn all das ist, besteht, hat Bestand und Gestalt in meinem Geist. Keinen Bestand mehr haben, nicht mehr bestehen und doch sein, in einer ewigen Gestalt, in einer ewigen gewaltigen Kraft – vielleicht heisst „es“ das. Und dieses „es“ ist einfach Stille, nichts als Stille.

Was könnte einfacher sein?

“Gehmeditation im Alltag”, von Volker Winkler – im Buchhandel erhältlich oder hier bestellbar: http://ow.ly/JthgF

NICHTS BESSERES

NICHTS BESSERES

Am Wochenende war ich in Madesimo, einem Bergdorf nördlich von Como, dem italienischen Ort, der am weitesten vom Meer entfernt ist. 1500 Meter über dem Meer lässt sich die Hitze besser aushalten, die in Lugano nun tagsüber wirklich nah am Unerträglichen ist.

Kurz nach unserer Ankunft haben Kirstin und ich und unser Hund Lord Sugar uns ein ruhiges Plätzchen auf einer Wiese am Talausgang und weit hinter den letzten Häusern des Ortes gesucht.

Und da saßen wir dann auf der Sommerwiese inmitten von umher schwirrenden Insekten und von blühenden Wiesenblumen in den Gräsern, in der Gesellschaft von einigen Ameisen und in der Nähe eines kräftig rauschenden Bergbaches, ja Wasserfalles, der die Steilwand hinunter brach.

Eine einfache, wenig ambitionierte Sitzmeditation in der Natur. Ein schlichtes Ankommen und Herunterkommen, ein Beruhigen und Betrachten. Der Meditationstimer im Smartphone wurde auf 20 Minuten eingestellt und dann, wie im Zen so oft zitiert: einfach sitzen, nichts weiter.

Die Konzentration geht auf den Atem, am Bauch oder an den Nasenöffnungen. Jeder Sinnesimpuls, jedes Geräusch oder Gefühl, zum Beispiel von einer Fliege auf der Haut oder von einem Grashalm am Bein, wird angenommen, mit freundlicher Offenheit, kurz registriert und losgelassen.

Und zurück zur Atmung: ein, aus. Ein, aus. Mehr nicht.

Gedanken kommen, Erinnerungen, Meinungen, Ideen, Fragmente, Musik, wirrer Kram, Bilder von der Fahrt…. auch sie sind willkommen, werden angenommen, gewürdigt – und losgelassen, durch die einfache immer wieder neue Hinwendung zum Atem.

Es gibt nichts Besseres auf dieser Welt. Ich weiß nicht, welcher Glücksfall, welche Wunschfee, welcher Lottogewinn mir etwas noch Besseres bringen sollte. Was sollte das sein? Wozu sollte es dienen? Mehr Sinnesgenuss etwa, der dann anhalten soll, möglichst ewig und den ich dann nie wieder verlieren will?

Alles Übrige, was ich als schön oder erstrebenswert kenne, ist mit Anhaften oder Ablehnung verbunden, vielleicht sofort, vielleicht später, aber nichts ist frei davon.

Frei ist nur das Jetzt, der aktuelle Moment, das „große Nun“, wie Meister Eckhart es nannte.

Es ist so einfach und doch liegt es nicht immer nahe. Auch wir mussten uns vom Dorf entfernen und ganz schön suchen, um einen geeigneten Platz für diese absonderliche Tätigkeit zu finden, die dort und in diesem Moment wohl nur wir betreiben wollten.

Aber es ist möglich. Und es ist da, hier, sofort. Es ist gratis und unbegrenzt verfügbar. Es ist das Sein, das einfache Sein im Jetzt. Es ist das Leben selbst – und kein Erlebnis. Und es gibt, das weiß ich nun sicher, nichts Besseres.