Ein bedingungsloses Glück

Ein bedingungsloses Glück

Unser menschliches Bewusstsein kann die Welt nur in Polaritäten wahrnehmen. Wir leben als Mann oder Frau, sind gesund oder krank, in einer Beziehung oder allein, glücklich oder unglücklich und das Ganze findet statt solange wir leben – und noch nicht tot sind. Das Leben spielt sich ab am Tag oder in der Nacht, im Sommer oder im Winter, wir nehmen Nahrung zu uns und scheiden sie aus, schlafen oder sind wach. Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen. 

Wichtig ist: unser Bewusstsein nimmt die Welt auf diese Art wahr – aber die Welt ist keineswegs in Pole aufgespalten. Im Gegenteil. Der wahre Zustand der Welt ist genau nicht Aufspaltung sondern Einheit. Dies ist dadurch zu beweisen, dass keine der oben genannten Polaritäten ohne ihr Gegenteil auskommt. Ein Tag ohne Nacht ist nicht denkbar. Leben ohne Tod ist nicht möglich. Gesundheit können wir nur denken, weil Krankheit existiert. 

Die beiden Pole gehören also zusammen und bilden eine Einheit. Demnach ist die Wahrheit die, dass du sowohl Mann als auch Frau bist, sowohl gesund als auch krank, sowohl glücklich als auch unglücklich. Wenn du aus dem Fenster schaust, dann ist dort draußen sowohl der Tag als auch die Nacht; könntest du zehntausend Kilometer weit schauen, dann würdest du die Nacht hinter dem Tag genau dort sehen können, wo gerade die Sonne untergeht. Beides ist da, nur: du siehst momentan nur eines von beiden, weil dein Blick begrenzt ist.

Dein Blick auf dieses Leben ist begrenzt von deinem Verstand. Dein Verstand kann tatsächlich nur in Polaritäten denken und er teilt die ganze Wahrnehmung ein in ”gut” und ”schlecht”. Das Schlechte will er vermeiden, das Gute will er erlangen und er redet dir ein, dass du glücklich sein wirst, wenn endlich ein Zustand erreicht ist, in dem alles Schlechte beseitigt wurde. Dann – so ist der Verstand überzeugt – wirst du glücklich sein.  Diesen Zustand aber wirst du nie erreichen, niemand hat ihn je erreicht, es gibt ihn nicht.

Es gibt aber einen Teil in dir, der sehr wohl in der Lage ist, die Einheit wahrzunehmen, die hinter jeder Polarität liegt. Es handelt sich um jenen Teil deines Bewusstseins, den wir ”den Beobachter” nennen. Dein Bewusstsein besteht aus einem Denker und einem Beobachter (eine weitere Polarität). Dein Denker ist mit deinem Verstand identisch. Er bewegt sich nur in Polaritäten und beschäftigt sich hauptsächlich mit Problemen, die zu lösen und zu beseitigen sind, damit endlich der ersehnte oben genannte Zustand der Glückseligkeit erreicht wird. Der Beobachter ist jener Teil in dir, der die eigenen Gedanken beobachten kann. Dies geschieht im Allgemeinen zunächst in der formellen Meditation, mit mehr Praxis und Übung jedoch überträgt sich diese Fähigkeit mehr und mehr ins tägliche Leben. 

Dieser Beobachter, auch ”der Zeuge” genannt, ist vollkommen frei von jedem Leiden. Er weiß nicht einmal, was Leiden sein soll. Er hat keine Schwierigkeiten oder Probleme, er beobachtet. Er beobachtet, was ist. Er nimmt wahr, was ist. Für ihn ist nichts ”schlecht” oder ”gut”. Das, was ist, ist so, wie es ist. Der Beobachter ist frei. Er ist glücklich – allerdings auf eine Art, die wir uns kaum vorstellen können, denn sein Glück hängt von keinerlei Bedingung ab. Er ist glücklich, weil er ist. Er ist nicht glücklich, weil irgend etwas so oder anders ist. Der Beobachter ist befreit vom Leiden, er ist erwacht, erleuchtet. Er ist ein Buddha. Er ist nicht wie ein Buddha. Er ist ein Buddha. Und dieser Buddha ist in dir. Du hast die Fähigkeit, deine eigenen Gedanken in der Meditation (und später auch zunehmend außerhalb) zu beobachten und frei zu sein. Du hast diese Fähigkeit mit Sicherheit. Jeder von uns hat sie. Du hast sie wahrscheinlich bisher kaum genutzt, hast deinen inneren Buddha nicht gezielt und bewusst aktiviert – aber er ist da. Ein Teil von dir ist ein Buddha, frei von jedem Leiden. Diesen Teil kannst du mit Hilfe einer kontinuierlichen täglichen Meditationspraxis immer stärker und präsenter in dir machen bis du schließlich ganz mit ihm verschmilzt, bis keine Trennung mehr besteht zwischen ihm und dir, bis dein Denker sich fast ganz zurück zieht und nur noch der Beobachter bleibt. Dies aber ist nicht jener ferne Moment, den auch der Verstand anstrebt. Nein. Dies beginnt jetzt und hier. Dies ist tägliche Realität in deiner Meditationspraxis, in deiner mentalen und emotionalen Befreiung – Schritt für Schritt, Tag für Tag.